Politisches Interesse als Schlüssel zur Demokratie

Ein Bild der Vergangenheit: Jugendliche nutzen heute kaum mehr klassische Medien.

Wie informieren sich junge Erwachsene heute – und was bedeutet das für Demokratie und Journalismus? Das Projekt zeigt: Nicht der Nachrichtenkonsum allein zählt, sondern das Interesse an Politik und die Qualität der Inhalte.

Nur gerade 7 Minuten pro Tag nutzen junge Erwachsene in der Schweiz ihr Smartphone, um sich über die Weltlage zu informieren. Wobei dies eine Durchschnittszahl ist: Der Grossteil der befragten 18- bis 25-Jährigen konsumiert kaum oder gar keine Nachrichten, während nur wenige über 30 Minuten täglich dafür aufwenden. Auffällig: Der Bildungsstand hat auf das Nachrichtenverhalten praktisch keinen Einfluss.

Ein häufiger Erklärungsversuch für diese sogenannte Newsvermeidung lautet, dass junge Menschen lieber unterhaltende Inhalte konsumieren – etwa auf TikTok. Doch die Daten des Forschungsteams unter der Leitung von Mark Eisenegger (Universität Zürich) zeigen ein differenzierteres Bild: Die Gruppen mit hohem, mittlerem oder tiefem Nachrichtenkonsum unterscheiden sich kaum in der Art ihrer Mediennutzung – wohl aber in ihren Einstellungen. Wer kaum Nachrichten liest, interessiert sich seltener für Politik und Wirtschaft, vertraut dem Journalismus weniger und ist häufiger unzufrieden mit der Demokratie.

Die wichtigsten Erkenntnisse

Politisches Interesse ist der Schlüssel für eine funktionierende Demokratie. Wer sich für Politik interessiert, konsumiert häufiger und vielfältiger Nachrichten, verfügt über mehr politisches Wissen und beteiligt sich eher an Volksabstimmungen. Allgemeiner Nachrichtenkonsum allein reicht dafür aber nicht aus. Entscheidend ist der Inhalt: Wer gezielt politische Berichterstattung liest – etwa zu einer konkreten Abstimmung – weiss nachweislich mehr darüber. Projektleiter Mark Eisenegger bringt es auf den Punkt:

«Unser Projekt zeigt: Politisches Interesse ist eine Schlüsselvariable für die Demokratie. Es steht in einem positiven Zusammenhang mit politischer Beteiligung und politischem Wissen – und geht zudem mit einem häufigeren und vielfältigeren Nachrichtenkonsum einher. Politisches Interesse frühzeitig zu fördern – etwa im Schulunterricht – könnte daher helfen, die demokratiespezifischen Risiken der digitalen Transformation abzufedern.»

Bedeutung für Politik und Praxis

Das NFP 77 Forschungsprojekt zeigt: Die geringe Bedeutung von Journalismus im Medienalltag vieler junger Erwachsener ist weniger eine Frage des Medienangebots als eine Folge fehlenden politischen Interesses und schwindenden Vertrauens. Die Forschenden sprechen daher von einer «Haltungslücke», nicht von einer «Technologielücke».

Für die Politik heisst das: Es braucht gezielte Massnahmen zur Förderung von politischem Interesse – durch einen zeitgemässen Staatskundeunterricht, politische Bildung und leicht zugängliche Informationsangebote. Für Medienhäuser ergibt sich daraus der Auftrag, Nachrichteninhalte so zu gestalten, dass sie für junge Zielgruppen relevant, verständlich und ansprechend sind.

Drei Hauptbotschaften

1. Positiver Zusammenhang zwischen Nachrichtennutzung und politischer Beteiligung, Vertrauen in politische Institutionen und politischem Wissen:

Die Studie bestätigt die wichtige Rolle des Journalismus für das politische System. Die Forschenden weisen nach, dass Menschen, die wenig oder fast keine Nachrichten konsumieren (Nachrichtenvermeider), weniger Vertrauen in politische Institutionen haben und seltener an Volksabstimmungen teilnehmen als Menschen mit regelmässigem Nachrichtenkonsum.

2. Politisches Interesse als Schlüsselvariable:

Junge Erwachsene, die sich für Politik interessieren, wissen mehr über aktuelle politische Themen, lesen vielfältiger Nachrichten und nehmen eher an Abstimmungen teil. Tatsächlich zeigte sich politisches Interesse als zentrale Einflussgrösse – es steht auch in Verbindung mit politischem Wissen und politischer Beteiligung. Es ist daher wichtig, die Staatskunde in der Schule zu intensivieren – ergänzend zu Initiativen zur Förderung der Medienkompetenz.

3. Der Inhalt zählt!

Nicht die Menge an Nachrichten zählt, sondern der Inhalt: Wer gezielt politische News zu einem bestimmten Thema liest – etwa zu einer Abstimmung –, weiss darüber auch mehr. Allgemeiner Nachrichtenkonsum führt dagegen nicht automatisch zu mehr politischem Wissen.

Wie die Forschenden methodisch genau vorgegangen sind und weitere Hintergründe zum Forschungsprojekt finden Sie auf der NFP 77-Projektwebseite:

Weitere Forschungsprojekte zum Thema «Digitale Transformation» im Rahmen des Nationalen Forschungsprogrammes NFP 77 finden Sie hier: